Overath wird Opfer seiner Attraktivität

Für Gewerbe- und Wohnbebauung werden Landschaftsschutzgebiete geopfert

Die Sache ist vertrackt: Overath ist als Wohndomizil wegen seiner Nähe zu Köln und seiner noch spürbar vorhandenen Natur beliebt, nicht nur private Bauherren, auch Gewerbetreibende stehen Gewehr bei Fuß, mit billigem Geld erschlossenes Bauland zu entern. Doch das ist knapp, zu knapp zur Befriedigung der Nachfrage. Einerseits.

Andererseits gibt es in weiten Teilen der Overather Bevölkerung getreu den Zielen des vor einigen Jahren erstellten Leitbilds der Stadt den Wunsch, den ländlichen Charakter nicht durch das Erschließen immer neuer Baugebiete aufs Spiel zu setzen.

Was also tun? Die Nachfrage zu ignorieren fällt dem Rat und der Verwaltung der Stadt Overath offenbar schwer. Unbebaute Grundstücke innerhalb der Overather Ortskerne im Rahmen städtebaulicher Verdichtung – ein Gebot des Baugesetzbuches – zu erwerben, will oder kann sie nicht. Also geht die Stadt ans Tafelsilber: Sie greift auf ihre Landschaftsschutzgebiete zu und läuft damit Gefahr, genau das zu verspielen, was ihre Attraktivität ausmacht. Von dem Effekt einer Haushaltssanierung durch Wachstum kann auch nicht zwingend ausgegangen werden.

Doch der Reihe nach: Seit der Jahrhundertwende ist Overath um 1.149 Einwohner gewachsen (Stand Dezember 2015). Von 2000 bis heute haben sich 353 Betriebe zusätzlich angesiedelt, von ehemals 2.240 auf nunmehr 2.593. Zu der Nachfrage bei der Verwaltung, um wieviel mehr die bebaute Fläche im Overather Stadtgebiet im gleichen Zeitraum gewachsen ist, konnte oder wollte sie sich nicht äußern. Angesichts der Entwicklung der Bevölkerungszahl und der Anzahl der Gewerbebetriebe darf jedoch von einer nicht unertrheblichen Steigerung ausgegangen weden. Man könnte meinen, alles halb so schlimm, aber die Auswirkungen sind auch ohne die geplanten weiteren Maßnahmen bereits heute zu spüren: Der tägliche Stau auf der A4 Richtung Köln treibt Berufspendler in den kollektiven Wahnsinn, Politiker aller Couleur auf den diversen Ebenen verfielen in temporäre Schockstarre, als sie von einer möglichen Sperrung der A4 wegen unvermeidlichen Brückenneubaus in Untereschbach erfuhren. Das Bergische Land stand vor einem imaginären Verkehrskollaps mit allen Begleiterscheinungen der Überfüllung. Bereits kollabiert ist der Innenstadtbereich von Overath. Seit Jahren werden die Luftreinheitswerte regelmäßig soweit überschritten, dass die Bezirksregierung nicht anders konnte, als den Overather Rat zur Einführung einer Umweltzone zu verdonnern. Zuvor wurde der hilflos anmutende Versuch unternommen, die Zone durch den teuren Bau des Kreisels zu verhindern. Auch die Einrichtung der Umweltzone wird nach Einschätzung der meisten Experten an der notorisch dicken Luft in Overath nichts ändern. Es muss offenbar weiter abgewartet werden, bis sich in Rat und Verwaltung die Erkenntnis durchsetzt, dass die Aufnahmefähigkeiten Overaths begrenzt sind, dass weitere Baumaßnahmen die Probleme selbstredend weiter verschärfen und Overath langsam aber beständig seine Attraktivität dem Postulat des Wachstums preisgibt. Das wäre aus einem weiteren Grund verhängnisvoll.

Einem angeborenen Reflex gleich wird Wachstum als unabdingbare Voraussetzung wirtschaftlichen Fortschritts definiert. Für Kommunen bedeuten zusätzliche Gewerbe- und Wohnansiedlungen steigendes Steueraufkommen. Bezogen auf Overather Ziele liegt die Vermutung nahe, auf diesem Weg die missliche Lage des Nothaushalts überwinden zu wollen. Doch warum sollte in Zukuft gelingen, was schon in der Vergangenheit mächtig in die Hose gegangen ist? Die vergangenen Jahre haben trotz hoher Prosperität letztlich zu der haushalterischen Schieflage geführt, in der sich die Stadt heute befindet. Wachstum garantiert also keineswegs die Sanierung des Haushalts.

Trotz aller Hinweise durch die infrastrukturellen Überlastungen wollen Rat und Verwaltung sich mit der theorielastigen Frage der Grenzen des Wachstums aber offenbar nicht befassen. Einfacher scheint es zu sein, im Rahmen der überkommenen ökonomischen Lehre weiter auf die vermeintlich heilsamen Kräfte des Wachstums zu setzen. Mit offenem Ausgang.

Offen ist auch der Ausgang der Auseinandersetzung mit Bürgern, die den Umgang von Rat und Verwaltung mit den unter Landschaftsschutz stehenden Habitaten des Stadtgebietes leid sind. Seit Jahren kündigt die Stadt das Erstellen eines Katasters über den Bestand an bebaubaren Grundstücken an. Geschehen ist bisher nichts. Der klammen Kommune fehlen die personellen Ressourcen. In dem Wissen, dass sich daran so bald nichts ändert, greift sie der Einfachheit halber auf Landschaftsschutzgebiete zu und provoziert damit einen Großteil ihrer Bürger, deren Laune zuletzt bereits erheblich gelitten hatte, als ihnen der höchste Steigerungssatz der Grundsteuer B aufgebrummt wurde, den NRW-Kommunen bis dahin gesehen hatten. Nicht, um in die Zukunft zu investieren, sondern um die Folgen der Fehler aus den vergangenen Jahren hitziger Bautätigkeit in Overath zu lindern. Im aktuellen Grundsteuer-Ranking liegt Overath auf Rang drei aller NRW-Kommunen, die Bürger zahlen happig für ihre Habitate, die ihnen sukzessive genommen werden.

Welche Baupläne die Stadt in der jüngeren Zeit auch angestoßen hatte, es regt sich reflexartig Widerstand in der Bevölkerung. Im Ginsterfeld, ein landschaftliches Kleinod auf den Höhen Overaths, mit weitem Blick in Richtung Süden über das Aggertal, soll ein Gewerbegebiet entstehen. Die Reaktion erfolgte nach Bekanntwerden auf dem Fuße: eine Bürgerinitiative hat zumindest dazu beigetragen, diese fürchterliche und profane Verschandelung der Landschaft bis auf weiteres zu verhindern.

Obwohl sich Obereschbach nur schleppend verkaufte, scheint die Stadt unter Druck zu stehen und zaubert ein weiteres sakrosanktes Gelände aus dem Hut. Ausgerechnet im Überschwemmungsgebiet der Sülz soll es nun sein. Viel unglücklicher kann die Stadt nicht agieren, selbst der ehemalige Bürgermeister, in Bausachen kein Kostverächter, läßt sich unter den Mitgliedern der flugs gegründeten Bürgerinitiative blicken. Achtung, Wildwechsel.

Das jüngste Kind städtischen Findungsreichtums ist der Plan, in Overath Rappenhohn ein neues Siedlungsgebiet hochzuziehen. Im Eilverfahren hat die Stadtentwicklungsgesellschaft der Stadt Overath (SEGO), eine 100%ige Tochter der Stadt und mit öffentlichen Geldern operierend, in Umkehrung einer geordneten Reihenfolge das Land gekauft, bevor überhaupt die rechtlichen Grundlagen für eine Bebauung geschaffen sind. Konnte der Kauf des Grundstückes noch ohne Bürgerbeteiligung erfolgen, so wird es nun ernst: Im weiteren Verfahren muss Öffentlichkeit hergestellt werden. Die Bürgerinitiative „Landschaftsfreunde Overath Rappenhohn“ hat ihre Arbeit aufgenommen und geriert sich als Lobbyist für die Interessen Naherholungssuchender, spielender Kinder und selten um ihre Meinung gefragter, auch unter Artenschutz stehender Tiere.

Nur drei beispielhafte Vorhaben der Stadt – jeweils regt sich der Protest der Bürger. Nehmen Rat und Verwaltung die Bedürfnisse ihrer Bürger überhaupt noch wahr? Oder nur die Bedürfnisse derer, die es noch werden wollen?

Es gibt auch in Rappenhohn eine Menge guter Gründe, das Vorhaben nicht weiter zu verfolgen (Siehe dazu auch: www.rappenhohn.de). Aber schon die Gemeinsamkeiten aller drei Projekte reichen aus, sie im Sinne einer Bewahrung des Bestehenden, beziehungsweise einer Vermeidung der Verschärfung infrastruktureller Probleme zu verwerfen: Sie verbrauchen unter Schutz stehende Landschaft, sie zersiedeln das Stadtgebiet, sie mindern zunehmend die Wohn- und Lebensqualität, sie tragen zu weiterer Luftverschmutzung bei, sie verstärken die ohnehin verheerende Verkehrssituation entlang der A 4. Der Nutzen dagegen ist nicht ausgemacht.

Allein die quantitative Präsenz der Bürgerinitiativen und ihrer handelnden Personen sollte der Stadt Anlaß sein, ihre tradierten Entscheidungsmuster zu überdenken. Die Argumente liegen sowieso auf der Hand. Vielleicht hilft ein alter Wahlspruch: Weniger ist mehr.